Drehbuch im Kopf: Vom Zwang, Geschichten zu erfinden

Aktualisiert: 23. Dez 2020

Früher in diesem Jahr: Ich sitze in der U-Bahn neben einer Frau, die Handschuhe trägt. Es ist ja das Corona-Jahr 2020, und alle tragen Masken. Die Frau neben mir trägt zusätzlich zu ihrer Maske nun auch noch Handschuhe. Im Juni. Sie löst Kreuzworträtsel und hat sich den etwas zu langen Pony sehr chaotisch mit einer Haarnadel ins übrige Haar gesteckt. Etwas verhuscht sieht sie aus.


Sofort weiß ich über sie, dass sie sehr ängstlich, vielleicht paranoid sein muss, wenn sie auch noch Handschuhe trägt wegen Corona. Aber warum ... Baumwollhandschuhe? Die sind ja nicht gerade sehr keimdicht... Nun bin ich wacher geworden, interessiere mich für sie, fühle mich dabei auch ein wenig voyeuristisch... Aaaah, ich weiß! Sie hat dieses zwanghafte Hautdingens... wie heißt es doch gleich, wo man sich die ganze Zeit selbst kratzt... skin picking! Und die Handschuhe halten sie vom Knibbeln ab. Oder dolle Neurodermitis... alles klar... Selbstzufrieden mit meinem kleinen detektivischen Durchblickserfolg entspanne ich mich kurz.



Sekunden später wandert mein Blick forschend an ihr herab, und ich sehe unter Shorts nackte Waden und darunter: dicke hautfarbene Strümpfe, die sie in ihren Sandalen trägt.

Jetzt habe ich ein Problem. Wie erkläre ich diese Strümpfe? Sofort kommt mir die neue Idee: Sie hat nicht Angst vor Corona, sie hat nicht mal ne Zwangsstörung, sondern einfach heftigen Nagelpilz. Jetzt hab ich's.

Erst das ist der Moment, in dem ich einigermaßen schockiert und auch amüsiert feststelle, was ich da treibe. Wie anmaßend ist es, mir einzubilden, dass ich irgendetwas über diese Frau wüsste? Und wie schnell das alles vor sich geht in meinem Kopf, wie schnell die Geschichten kreiert, verworfen, verändert und angepasst werden, so dass alles im Bild stimmt! Wenn alles passt (oder halt passend gemacht ist), dann weiß ich, was passiert und wer die anderen sind. Das gibt mir Sicherheit und lässt mich entspannen - oder auch nicht, je nachdem, wie die Geschichte in mir gerade aussieht. Wie viel aber hat das mit den anderen wirklich zu tun?


Mache ich das mit mir eigentlich genauso? Weiß ich auch schon immer alles über mich, und habe ich wirklich einen blassen Schimmer? Wie oft ändere ich die Meinung über mich, verändere ich die Geschichten, die ich erzähle oder auch nur in mir bewege. Wie viel davon stimmt?


Während ich telefoniere und einer Freundin die Geschichte aus der U-Bahn erzähle, richtet sich meine Aufmerksamkeit auf den Mann, der auf der Straße vor mir läuft. Er hat eine Halbglatze und dünnes langes, fettiges Haar, wirkt ungepflegt, läuft etwas unrund. Am Rand meiner Aufmerksamkeit bemerke ich eine Flasche mit blauem Etikett in seiner Hand. Ich kann quasi meinem Gehirn dabei zusehen, wie es das Bild einer Vodkaflasche daraus macht. Passt. Als ich genauer hinsehe, ist es eine 0,5l PET Wasserflasche.

In dem Moment bemerke ich starke Scham in mir aufsteigen. Schon wieder ist es passiert, habe ich jemanden abgeurteilt, in eine Schublade gesteckt. Es kommt mir vor wie ein Zwang, Fakten oder Annahmen zu einer schlüssigen Geschichte zu verknüpfen. Dabei addiere, also erfinde ich passendes und gucke eben auch mal ungenau hin mit der Bereitschaft, zur Not Fakten abzuändern. Damit mein Bild stimmt, wird seine Wasserflasche zu einer Vodkaflasche...


Während ich den Mann überhole, bleibt mein Blick haften an dem kleinen Rest klarer Flüssigkeit in der Flasche. Da geht es schon wieder los: `Und wenn da gar kein Wasser drin ist, sondern...`

Ich ergebe mich und kann mich wieder distanzieren vom Wahrheitswert meiner Geschichte in dem Moment, diesmal ohne Scham.


Es war erhellend, dem so einfallsreichen und kreativen Geschichtenbauer in mir so in Reinform zu begegnen und auch ein Gefühl dafür zu bekommen, was sein Zweck ist. Er will Orientierung geben, mich beschützen, aber auch Recht haben für seine Wahrheit. Am Ende macht sich Demut in mir breit: Ich weiß so wenig (nichts?), denn auch mich selbst betrachte ich mit diesem Zwang, dass alles stimmen muss. Ich übe, mich auch davon zu distanzieren.





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